Schenke mir die Liebenswürdigkeit…

Schenke mir die Liebenswürdigkeit…

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder!

Schon im Buch Genesis wird berichtet, dass Gott die Menschen füreinander schuf, damit sie miteinander leben sollen.

In einem Taschenbuch, das 1991 im Herder Verlag erschienen ist und den Titel trägt: „Miteinander – Füreinander“ – vom Wunder menschlicher Begegnung, fand ich ein Gebet einer unbekannten Äbtissin, das wie ich finde zeitlos ist und einen wunderbaren Sitz im Leben hat. Dieses Gebet ist überschrieben mit:

„Schenke mir die Liebenswürdigkeit…“

Herr,
bewahre mich davor, schwatzhaftig zu werden.
Befreie mich von der Einbildung, ich müsse anderer Leute Angelegenheiten in Ordnung bringen.
Du weißt, dass ich ein paar Freunde brauche.
Ich wage nicht, dich um die Fähigkeit zu bitten, die Klagen meiner Mitmenschen über ihre Leiden mit nie versagender Teilnahme anzuhören.

Hilf mir nur, sie mit Geduld zu ertragen.
Ich will dich auch nicht um ein besseres Gedächtnis bitten, nur um etwas mehr Demut und weniger Selbstsicherheit, wenn meine Erinnerung nicht mit der anderer übereinstimmt.

Herr,
schenke mir die wichtige Einsicht, dass ich mich gelegentlich irren kann.
Hilf mir, einigermaßen milde zu bleiben.
Mach mich teilnehmend, aber nicht sentimental, hilfsbereit, aber nicht aufdringlich.
Gewähre mir, dass ich Gutes finde, wo ich es nicht vermutet habe, und Talente bei Leuten, denen ich sie nicht zugetraut hätte.

Herr,
schenke mir die Liebenswürdigkeit, es ihnen zu sagen…
(Nach dem Gebet einer unbekannten Äbtissin.)

Ein Gebet, liebe Schwestern, liebe Brüder, das wir heute umso nötiger haben, in einer Zeit von Spannungen und Umbrüchen in der Welt, in Gesellschaft und Kirche.

Ihr Diakon Roland Rybak

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